Wirtschaft

"Wahrheitsmaschine"Wie Polymarket und Kalshi die Midterms zum Casino machen

30.10.2026, 13:23 Uhr
imageVon Kilian Schroeder
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Wahlkampf trifft Wettmarkt: Kamala Harris unterstützt Senator Jon Ossoff. (Foto: REUTERS)

In Online-Wettmärkten werden Hunderte Millionen Dollar auf den Ausgang der US-Zwischenwahlen gesetzt. Während die Unternehmen dahinter sich als bessere Umfrageinstitute verstehen, häufen sich die Fälle von Insider-Trading.

Wenn Parteistrategen der Demokraten die Webseiten Polymarket oder Kalshi aufrufen, dürften sie schon einmal die Sektflaschen kaltstellen. Glaubt man den Vorhersagen dort, steht der Partei bei den US-Zwischenwahlen am Dienstag ein Erdrutschsieg bevor.

Zu 93 Prozent gewinnt die Oppositionspartei laut Polymarket das Repräsentantenhaus, zu 68 Prozent den deutlich stärker umkämpften Senat. Im wichtigen Swing-State Michigan geht der Senatsposten demnach zu 72 Prozent an den Demokraten Abdul El-Sayed, das traditionell republikanische Texas soll zu 69 Prozent den Demokraten James Talarico zum Senator machen. Das ist wesentlich eindeutiger als die klassischen Umfrageinstitute: Die sehen beide Kandidaten nur mit wenigen Prozentpunkten vorne. Was ist da los?

Wettmärkte wie Polymarket und Kalshi funktionieren anders als die klassischen Meinungsumfragen. Wie im Casino setzen die Nutzer Geld auf bestimmte Ereignisse - die oft nur zwei mögliche Ergebnisse haben. So etwa die Frage, ob ein Team die Fußball-WM gewinnt, ob der Bitcoin heute fällt oder steigt, oder eben, ob jemand eine Wahl gewinnt oder verliert. Es geht also nicht darum, die öffentliche Meinung zu erfragen, sondern die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis zu ermitteln. Je mehr Nutzer auf ein Ergebnis setzen, desto höher steigt der Kurs und als umso wahrscheinlicher gilt es.

Ihre Sternstunde hatten die Wettmärkte bei den US-Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren. Während die klassischen Meinungsumfragen die Demokraten knapp vorn sahen, sagten Polymarket und Kalshi einen deutlichen Sieg von Donald Trump vorher - und lagen bekanntermaßen richtig. Seitdem sehen sich die Plattformen selbst als eine Art "Wahrheitsmaschine" - so nannte jedenfalls der Polymarket-Gründer Shayne Coplan sein Produkt. Weil die Nutzer Geld setzen, so die Argumentation, sei der Anreiz höher, den wahren Präferenzen zu folgen - und nicht, etwa wegen sozialen Drucks, zu leugnen, dass man für Trump stimme.

"Das Volk sprechen lassen"

Inzwischen sind die Kurse bei Polymarket Teil der Wahlberichterstattung - so weist etwa die Website RealClearPolitics, bekannt für das regelmäßige Veröffentlichen von Umfragedurchschnitten, inzwischen explizit die Wahrscheinlichkeit von Polymarket aus. "Dies ist wirklich die erste Wahl, die auf Prognosemärkten basiert", sagte Kalshi-CEO Tarek Mansour kürzlich. "Der beste Weg, sich über den Verlauf unserer Wahlen zu informieren, besteht nicht darin, einigen wenigen das Wort zu erteilen. Es geht vielmehr darum, den Markt sprechen zu lassen. Es geht darum, das Volk sprechen zu lassen. Und genau das leisten die Prognosemärkte." Dabei können theoretisch Nutzer aus aller Welt auf die Midterms wetten - nicht nur Menschen, die in den USA wahlberechtigt sind.

Allerdings: Noch vor wenigen Tagen hatten die Wettmärkte einen klaren Sieg von Flávio Bolsonaro bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien vorhergesagt. Die Chancen für Luiz Inácio Lula da Silva lagen demnach bei gerade einmal 20 Prozent. Am Ende gewann Lula, und eine Sprecherin von Kalshi musste zurückrudern: Eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent bedeute schließlich nur, dass ein Ereignis in einem von fünf Fällen Eintritt - also alles klassische Statistik. Was auch heißt: Die Aussagekraft der Wett-Vorhersagen ist beschränkt. Wenn die Demokraten laut Polymarket und Kalshi bei den Midterms vorn liegen, sagt das nichts darüber aus, wie viele Stimmen die Kandidaten bekommen - sondern nur, dass der Markt glaubt, dass sie gewinnen werden.

Trotzdem fließen inzwischen enorme Summen in die Wetttöpfe. Laut dem "Anti Corruption Data Collective" haben Nutzer bereits jetzt mehr als 220 Millionen Dollar auf die US-Midterms gesetzt - mehr als doppelt so viel wie noch im gesamten Wahlzyklus 2024. Allein im Topf zur Frage, ob die Demokraten oder die Republikaner den Senat gewinnen, geht es bei Polymarket schon um 11 Mio. Dollar. Kalshi spricht gar von über 1 Milliarde Dollar, die insgesamt auf die Midterms gesetzt wurden.

Gerade bei den großen Wetten - wie den US-Wahlen - wird den Plattformen deshalb durchaus eine gewisse Vorhersagequalität zugesprochen. Denn: Je mehr Menschen sich beteiligen, desto genauer wird das Ergebnis. Bei den kleineren Wetten aber ist das Risiko für Missbrauch groß. Immer wieder kommt es zu Fällen von Insider-Trading - also, dass Mitarbeitende von Unternehmen und Regierungen exklusives Wissen nutzen, um damit Gewinne zu machen. So wird etwa einem US-Soldaten vorgeworfen 400.000 Dollar gewonnen zu haben, indem er auf die Entführung von Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro setzte. Im August bekam der Bediener von Donald Trumps Teleprompter eine Strafe aufgebrummt, weil er auf Dinge wettete, die der Präsident sagen würde. Und auch als Donald Trump Zölle gegen praktisch die ganze Welt verhängte, fanden sich kurz vorher auffällig hohe Wetten auf ein genau solches Ereignis. Vor den Midterms habe Polymarket dutzende Wetten wegen Manipulation untersucht, gab die Plattform kürzlich bekannt.

"Jeder wettet"

Insbesondere in Washington scheint sich eine gewisse Casino-Stimmung breitgemacht zu haben. "Jeder wettet heutzutage", zitiert etwa die australische "Financial Review" einen ehemaligen Mitarbeiter einer US-Aufsichtsbehörde. Dabei geht es nicht nur um geplantes Insider-Trading, sondern auch um Gerüchte, die sich Behördenmitarbeiter beim Feierabendbier erzählen. Kalshi und Polymarket betonen, diese Art von Wetten sei verboten und werde verfolgt.

Ob die Kurse bei Polymarket und Kalshi bei den Midterms richtig liegen, wird sich am Dienstag zeigen. Der US-Präsident dürfte mit dem Aufstieg der Wettplattformen jedenfalls kein Problem haben - Donald Trumps Sohn Donald Jr. ist Berater für sowohl Polymarket als auch Kalshi.

Quelle: ntv.de

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