Geldpolitisches Umfeld EZB-Ratsmitglied Kocher: spürbare Zunahme der Inflationsrisiken

EZB-Ratsmitglied Martin Kocher hat angesichts gestiegener Inflationsrisiken eine Reaktion der Europäischen Zentralbank nicht ausgeschlossen.
Sollte sich die Situation in der nächsten Zeit nicht verbessern, deute das geldpolitische Umfeld auf eine Reaktionsnotwendigkeit hin, schrieb der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) am Freitag in einem Blogbeitrag. "Denn die Risiken für die Inflation haben eindeutig zugenommen." Weder vorschnelles Handeln noch untätiges Abwarten sicherten jedoch Preisstabilität. Entscheidend sei, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun.
Bei ihrer Sitzung am Donnerstag hatte die EZB den Leitzins unverändert bei 2,50 Prozent gelassen. Das sei angesichts der Datenlage die richtige Antwort gewesen, erklärte Kocher. Er verwies jedoch darauf, dass die Öl- und Gaspreise infolge des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten deutlich gestiegen seien. Diese lägen über den Annahmen der jüngsten EZB-Prognosen und hätten die Inflationsrisiken erhöht.
Für die Geldpolitik ergebe sich aus dem Zusammenspiel von höheren Energiepreisen und steigenden Renditen auf Staatsanleihen ein Spannungsfeld, erklärte Kocher weiter. Während die höheren Energiepreise das Risiko einer länger anhaltenden Inflation erhöhten, dürften verschärfte Finanzierungsbedingungen die Nachfrage und damit den Inflationsdruck dämpfen. Wie stark dieser Effekt ausfalle und was er für die Inflation insgesamt bedeute, sei jedoch noch unklar.
Bislang gebe es keine eindeutigen Hinweise auf sogenannte Zweitrundeneffekte, bei denen die Inflation über höhere Löhne weiter angeheizt wird, sagte Kocher. Er warnte jedoch: Je länger die Energiepreise hoch blieben, desto größer werde das Risiko, dass Unternehmen ihre gestiegenen Kosten weitergäben und Beschäftigte einen Ausgleich forderten. Die EZB werde sich bei ihren Entscheidungen weiterhin an den vorliegenden Daten und ihrem Ziel orientieren, mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent sicherzustellen. Neue Konjunktur- und Inflationsprognosen des Eurosystems werden im Dezember erwartet.