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Niedersachsen & BremenEine Crew von Erschreckern für die Freude am Horror

30.10.2026, 11:49 Uhr
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Sie sehen aus wie Zombies und Halbverweste: Die Mitglieder eines Vereins aus Osnabrück sorgen für Horrormomente in Grusellabyrinthen oder bei Shows. Nicht alle Gäste halten dem Nervenkitzel stand.

Osnabrück (dpa/lni) - Marcus Barge sitzt an einem kleinen Tisch vor einem beleuchteten Schminkspiegel. Auf der linken Gesichtshälfte des 1,90-Meter-Mannes wuchert ein Gewürm aus roten Adern und eitrig aussehendem Gewebe. Ihm gegenüber setzt sich Mareile In der Stroth gerade eine Kontaktlinse in ihr linkes Auge, mit dem sie wie eine Erblindete aussehen wird. Latexmasken, eine Kiste mit Fettschminke und eine kleine Plastikflasche mit künstlichem Blut stehen in Griffweite. Das Team der Erschrecker Crew Osnabrück bereitet sich auf einen Auftritt vor.

Halloween, das Fest der Untoten, Vampire und Geister, ist die Hauptsaison der 30 Mitglieder der Crew. Angefangen habe alles mit Halloween-Veranstaltungen im Zoo Osnabrück vor einigen Jahren, erzählt Barge: "Die Gründungsmitglieder haben sich alle durch das Event im Zoo kennengelernt". Als der Zoo die Spukveranstaltung wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt habe, habe man alleine weitergemacht.

Nicht nur zu Halloween

"Irgendwann haben wir uns dann gesagt, das reicht uns nicht mehr, nur zu Halloween aufzutreten", sagt Barge. Erschrecker zu sein mache einfach zu viel Spaß. Im Jahr 2022 wurde ein Verein gegründet. Bei den Auftraggebern mache es einen besseren Eindruck, als Verein aufzutreten statt nur als zusammengewürfelter Haufen. Auch aus versicherungstechnischen Gründen mache ein Verein Sinn, erklärt Barge.

Zum regelmäßigen Programm der Erschrecker Crew gehören Gruselshows in Maislabyrinthen. Eine gebe es bei einem Landwirt in Osnabrück, eine andere auf einem Hof bei Münster. "Da treten wir jeweils an einem Wochenende auf und gestalten das Maislabyrinth um mit Dekoration und Kostüm zum Horrorlabyrinth", sagt Barge. Es gebe aber auch Auftritte auf Mittelalterfesten im Sommer. Auch eine Metallband habe die Erschrecker einmal für einen ihrer Bühnenauftritte gebucht. "Das hat total Laune gemacht", erzählt Mareile In der Stroth.

Auch Gasterschrecker sind willkommen

Inzwischen kommen laut Barge Menschen aus anderen Regionen, um die Erschrecker Crew zu erleben, sogar aus der Schweiz und den Niederländern. "Manchmal nehmen wir auch Gasterschrecker auf, die dann von außerhalb kommen, aber nicht unbedingt dem Verein beitreten wollen."

Feste Rollen haben die einzelnen Erschrecker nicht. "Wir richten uns immer ganz individuell auf die Person ein, die wir erschrecken", sagt Janine In der Stroth, die Schwester von Mareile In der Stroth. Man könnte jetzt natürlich annehmen, dass Leute, die in ein Horror-Maislabyrinth gehen, sich auch auf jeden Fall erschrecken lassen wollen. Aber es gebe auch Fälle, in denen die Menschen sich überschätzten.

Lust am Schreck und am Schreien

Dann werde erst im Schreckensmoment bemerkt, dass die Horrorshow doch nicht ganz ohne sei. "Im normalen Leben kommt man mit so etwas gar nicht in Berührung, und zu einem Horrorfilm hat man eine gewisse Distanz", sagt Janine In der Stroth. Stehe das Monster vor einem, reagiere der Körper ganz anders darauf. Es komme daher vor, dass die Erschrecker Menschen, denen es zu viel werde, aus dem Horrorkabinett herausführten, berichtet Mareile In der Stroth.

Aber die meisten hätten Freude daran, sich erschrecken zu lassen. "Da gibt es viele, die richtig schreien und herumrennen und sich auch jagen lassen wollen. Das macht uns auch am meisten Spaß, wenn man da hinterherrennt", sagt Mareile In der Stroth. "Nach dem Schrei kommt meist dieses erlösende Lachen, dann merkst du, die haben sich darüber gefreut, dass du sie so gekriegt hast", ergänzt Barge.

Die Erschrecker kann nichts schrecken

Und sind die Erschrecker selbst schreckhaft, wenn sie ihrerseits mal Gäste eines Horrorevents sind? "Ich habe leider das Problem, dass ich null schreckhaft bin. Ich erschrecke mich einfach nicht", sagt Corinna Barge, die Ehefrau von Marcus Barge. Darüber ärgere sie sich teilweise. Aber die Gruppe gehe gerne auch zusammen zu anderen Horrorveranstaltungen, wenn es die Zeit zulasse.

Woher die Lust auf das Erschrecktwerden? Warum suchen Menschen bewusst Angst und Horror? Forscherinnen und Forscher der Universität im dänischen Aarhus beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema. Es gibt sogar einen wissenschaftlichen Namen für das Thema: "Recreational Fear", also Angst als Freizeitvergnügen.

Wissenschaftler: Angst wichtig für Gefühlsleben

Die Suche nach Angst und Erschrecken sei alles andere als irrational, schreibt Wissenschaftler Mathias Clasen in seinem Aufsatz "Der Spaß an der Angst", in dem die Forschungsarbeit aus dem "Recreational Fear Lab" der Uni Aarhus zusammengefasst wird. Angst könne einen wertvollen Beitrag zu einem gesunden Gefühlsleben leisten.

Der Spaß an der Angst sei kein modernes Phänomen, schreibt Clasen. Schon unsere Vorfahren hätten sich Schauergeschichten am Lagerfeuer erzählt. Damit seien der soziale Zusammenhalt gefestigt sowie Warnungen und Ratschläge vermittelt worden.

Die Suche nach Angst und Schrecken biete überraschend viele psychologische Vorteile, schreibt der Forscher: "In einer Welt, die zunehmend von Stress und Unsicherheit geprägt ist, bietet die zum Vergnügen erlebte Angst etwas Seltenes: eine Einladung zu tiefen Gefühlen und die Möglichkeit, sich auf spielerische Weise mit Unbehagen auseinanderzusetzen und gestärkt daraus hervorzugehen."

Quelle: dpa

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