Politik

War es Musk? War es Trump?Plötzlich war das Internet weg - und die Ukraine muss weiter zittern

30.10.2026, 19:25 Uhr imageVon Denis Trubetskoy, Kiew
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Ohne geht es (fast) nicht: Ukrainische Soldaten stellen in der Kampfzone in der Region Saporischschja einen Starlink-Terminal auf. (Archivbild) (Foto: picture alliance / Photoshot)

Russland kann seit Monaten kaum noch Geländegewinne verbuchen. Doch die ukrainische Verteidigungsstrategie ist ganz wesentlich auf den Zugang zu Elon Musks Satelliteninternet angewiesen. Das Ausmaß dieser Abhängigkeit wird immer deutlicher, nachdem die Verbindungen im Oktober plötzlich weg waren.

In der Nacht auf den 14. Oktober wurde die ukrainische Armee kalt erwischt: Ohne Vorwarnung funktionierte das Satelliten-gestützte Internet plötzlich nur noch eingeschränkt. Die Sende- und Empfangsterminals namens Starlink, die Zugriff auf das von der US-Regierung kontrollierte System Starshield hatten, funktionierten auf einmal nur noch bis zu einer Bewegungsgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern. Über zehn lange Tage konnte die Ukraine ihre Drohnen mittlerer Reichweite kaum noch einsetzen, weil diese schneller fliegen, die ukrainischen Piloten aber über das Satellitensystem des Elon-Musk-Unternehmens SpaceX den Kontakt zur Drohne halten. Die ukrainische Militärkampagne gegen Russlands Kriegslogistik im Hinterland der Front brach deutlich ein, dabei hatten diese Angriffe den russischen Vormarsch praktisch zum Erliegen gebracht.

Auch die Luftverteidigung des Landes war durch den plötzlichen Wegfall des Starshield-Systems eingeschränkt: neue Abfangdrohnen und Hubschrauber, die gegen Russlands schnelle Jet-Drohnen Geran-4 und Geran-5 zum Einsatz kommen, waren von der Geschwindigkeitsbegrenzung betroffen. Offiziell ist bis heute nicht klar, wer und warum in den USA entschieden hat, einen Stützpfeiler des ukrainischen Verteidigungskrieges mir nichts, dir nichts einzuschränken. Dabei ist der Vorfall nicht gänzlich neuer Natur: Schon in den Jahren 2022 und 2023 hatte Tech-Milliardär Musk den Zugang der Ukraine zu seinem Starlink-System eingeschränkt. Waren damals aber noch vergleichsweise wenige Geräte im Einsatz, waren in diesem Herbst schlagartig Zehntausende Starlink-Terminals entlang der Front sowie im Hinterland zeitweise nicht nutzbar.

Die Ereignisse der zweiten Oktoberhälfte haben aber noch einmal vor Augen geführt, wie verwundbar die Ukraine durch ihre Abhängigkeit von Starlink und Starshield ist. Während Starlink ein kommerzielles Angebot ist, das auch in Deutschland jeder Privatperson ortsunabhängigen Internetzugang ermöglicht, dient sich Starshield der staatlichen, vor allem militärischen Nutzung. Für eine bessere Abdeckung nutzt Starshield aber auch die übliche Infrastruktur des Starlink-Systems. Anders als das kommerzielle Starlink nutzt Kiew Starshield erst seit 2024. Vor allem die Militärführung greift darauf zurück wegen der besseren Kommunikationsverschlüsselung.

Russland trieb Ukrainer zu Starshield

Starshield gewann im laufenden Jahr aber immer weiter an Bedeutung, weil auch Russland über geschmuggelte Starlink-Terminals Zugriff auf das Satelliteninternet erhielt. Die Russen montierten die Terminals auf ihre Drohnen, was die Ukrainer später kopierten. Das Verteidigungsministerium in Kiew bat die US-Regierung und SpaceX um Unterstützung, SpaceX stellte daraufhin den von Russland aus genutzten Terminals den Zugang ab.

Doch auch die ukrainischen Starlink-Terminals wurden im Zuge dessen unnutzbar an der Front. Irgendwo zwischen einer Geschwindigkeit von 70 bis 90 Stundenkilometern brach die Internetverbindung ein. Der Versuch, von der Ukraine militärisch genutzte Starlink-Terminals einzeln von dieser Begrenzung auszunehmen, war nach einem Bericht der "Ukrainska Prawda" für SpaceX nicht umsetzbar.

Daraufhin wurden die meisten Starlink-Terminals und das Starshield-System größtenteils per Abo miteinander verbunden, womit das Geschwindigkeitsproblem vorerst gelöst wurde. Damit bekam die Ukraine aber eine neue politische Herausforderung. Starlink ist ein kommerzielles Produkt, bei dessen Nutzung Washington und Pentagon mitreden. Das letzte Wort hat aber Eigentümer Elon Musk, der an der Ukraine über Jahre viel Geld verdiente. Bei Starshield hingegen ist SpaceX nur Auftragnehmer der US-Regierung, das System ist unter staatlicher Kontrolle. Washington entscheidet, SpaceX setzt um.

Die politische Verantwortung für solche Entscheidungen liegt daher eindeutig beim US-Präsidenten. Und im Falle von Donald Trump, der nicht sonderlich dafür bekannt ist, sich für Details zu interessieren, dürften die konkreten Vorgaben aus dem US-Verteidigungsministerium kommen. Auf der Fachebene pflegen die ukrainischen Militärs beste Kontakte zum Pentagon. Schwierig sind dagegen die Beziehungen zur politischen Führung, darunter der selbst ernannte Kriegsminister Pete Hegseth. Im politischen Kiew gilt es nach Informationen von ntv.de als durchaus wahrscheinlich, dass Elon Musk die Einschränkung von Starshield Trump vorgeschlagen haben könnte. Die politische Verantwortung für diese Entscheidung kann allerdings nicht beim US-Milliardär liegen.

Keine vollwertige Alternative in Sicht

Ein Zusammenhang zwischen der Starshield-Drosselung, den US-Zwischenwahlen am Dienstag und Trumps Diesel-Deal mit Wladimir Putin ist naheliegend. Zudem häufen sich wieder Berichte über geschäftliche Interessen zwischen dem Trump-Clan und seinen Unterstützern einerseits und russischen Vertretern andererseits. Doch Kiew wird sich weiterhin um gute Beziehungen zur US-Regierung bemühen müssen. Begrenzen die USA dauerhaft den Starshield-Zugang, könnte Russland schnell jene Geländegewinne machen, die die ukrainische Drohnenkampagne im laufenden Jahr verhindert hat. Eine vollwertige Alternative zu Starlink und Starshield hat die Ukraine auf absehbare Zeit jedenfalls nicht.

"Gibt es technisch alternative Kommunikationsmittel mit vergleichbaren Fähigkeiten, die die Ukraine auch einsetzen kann? Ja", erklärt der Kommunikationsexperte Wolodymyr Stepanez in der "Ukrainska Prawda". "Können sie als vollständiger Ersatz für die Verteidigungskräfte der Ukraine in Sachen Skalierbarkeit, Endgerätegrößen und allgemeine Verfügbarkeit dienen? Nein." Die nächstliegende Alternative wäre laut Stepanez Leo-Satellitensystem von Amazon. Dieses ist allerdings noch nicht vollständig funktionsfähig.

Das europäische System Eutalsat OneWeb ist dagegen deutlich teurer und die derzeitige Größe erlaubt es nicht, die notwendigen Datenmengen zu verbreiten und weiterzuleiten. Die Ukraine arbeitet an einer eigenen Satellitenkommunikation. Kiew prüft eine Kooperation mit den finnischen Unternehmen ICEYE und Nokia. Doch das Projekt ist Zukunftsmusik, während die Ukrainer nicht wissen, ob und wann ihnen Trump und Musk das nächste Mal den Internetzugang einschränken.

Quelle: ntv.de

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