Was hätte Captain Picard getan?Mit Patrick Stewart stirbt ein Stück Hoffnung
Von Volker Probst
Die Verkörperung des "Star Trek"-Captains Jean-Luc Picard macht Patrick Stewart zur Ikone. Das Idealbild des Übervaters in seiner Rolle strahlt ein Stück weit auch auf ihn als Privatmann ab. Auch deshalb ist der Tod des Darstellers eine Zäsur.
"Machen Sie es so!" (im Original: "Make it so!") - wenn Captain Jean-Luc Picard diese Worte sagte, klebte ihm in den 90er-Jahren eine ganze Generation an den Lippen. Erst beim ZDF zu sehen, dann von Sat.1 ausgestrahlt, gehörte "Star Trek - Das nächste Jahrhundert" ("Star Trek - The Next Generation") zum Pflichtprogramm. Jedenfalls bei denen, die Zeit dafür oder einen VHS-Rekorder hatten. Gezeigt wurde die Serie am Nachmittag und frühen Vorabend oder als Wiederholung in der Nacht.
Dass sie dennoch einen so großen und nachwirkenden Widerhall gefunden hat, hat nur bedingt mit der Originalserie "Star Trek" aus den 60er-Jahren zu tun. Klar, die ersten Weltraumausflüge der Enterprise mit Captain Kirk und Spitzohr Spock sind bis heute Kult. Doch waren sie mit ihrer technischen Beschränktheit, ihrem Overacting, ihren hölzernen Dialogen und ihrer zu sehr mit ihrer Entstehungsphase verschmolzenen Mode in den 90ern dann doch längst arg aus der Zeit gefallen.
Was vom "Star Trek"-Original allerdings überdauert hatte, war die Attitüde. Schon Kirk und Spock schickten sich inmitten des realen Kalten Krieges an, wenigstens auf dem Bildschirm die geeinte Welt und mit ihr auch noch gleich die ganze Galaxie in eine bessere, liberale und humanistische Zukunft zu führen. Das Personal der Enterprise bestand dabei neben Amerikanern unter anderem aus einem Russen, einem Japaner, einem Schotten - und einem Vulkanier, versteht sich. Mit Nichelle Nichols als Lieutenant Uhura schlüpfte zudem zum allerersten Mal überhaupt in einer US-Serie eine Schwarze in die Rolle einer Frau in verantwortlicher Position - in einer Zeit, in der die Rassentrennung in den USA zwar gerade abgeschafft worden war, aber noch lange nicht der Rassismus.
Ein Gefühl der Leichtigkeit
Als Patrick Stewart im Jahr 1987, in dem die ersten Folgen von "Star Trek - Das nächste Jahrhundert" in den USA gedreht und ausgestrahlt wurden, erstmals als Captain Picard vor die Kamera trat, war der Kalte Krieg zwar noch nicht überwunden. Mit Michail Gorbatschow als Generalsekretär der KPdSU in der Sowjetunion, Glasnost und Perestroika zeichnete sich ein weltgeschichtlicher Wandel jedoch bereits ab. Als die Serie dann im September 1990 erstmals auch die deutschen Wohnzimmer erreichte, war geschehen, was über Jahrzehnte undenkbar schien: Die Mauer war ein knappes Jahr zuvor gefallen.
Man darf die 90er-Jahre nicht nostalgisch verklären. Mit dem vorübergehenden (wie wir heute wissen) Ende der Ost-West-Konfrontation brach nicht auf einmal überall auf der Welt Friede, Freude, Eierkuchen aus. Die kriegerischen Konflikte reichten vom damaligen Jugoslawien über den Irak bis hin zum Völkermord in Ruanda. In Deutschland grassierte die Massenarbeitslosigkeit und Rechtsextremisten trieben mit Pogromen gegen Asylbewerber und tödlichen Anschlägen ihr Unwesen.
Dennoch beförderte das damalige Ende des Kalten Krieges hierzulande für einen Wimpernschlag der Geschichte ein Gefühl der Leichtigkeit - in einer Zeit, in der Sätze wie "Ich fühl' das" oder "Ich fühl' das nicht" noch keine geflügelten Worte waren. Nicht ohne Grund werden die 90er rückblickend oft als ein Jahrzehnt der popkulturell-bunten Unbeschwertheit empfunden. Dass Captain Jean-Luc Picard das Kommando auf der Brücke der Enterprise übernahm, während auf den Straßen des wiedervereinigten Berlins die Loveparade tobte, passte dazu wie die Faust aufs Auge.
Auf Höhe des Zeitgeists
"Star Trek - Das nächste Jahrhundert" brachte alles mit, um den Nagel des damaligen Zeitgeists auf den Kopf zu treffen: Anders als noch zu Zeiten von Kirk und Spock schien die Möglichkeit, dass sich die Welt wirklich zusammenrauft und einer besseren, friedlicheren und gerechteren Zukunft entgegenstrebt, für einen Moment keine komplett unerreichbare Utopie mehr zu sein.
Den Muff der alten Enterprise hatte die neue Besatzung inklusive so bahnbrechender Charaktere wie dem Androiden Data (Brent Spiner) oder dem Klingonen Worf (Michael Dorn) von den Decks ihres Schiffes der Galaxy-Klasse gefegt. Als die Serie herauskam, war sie für die damalige Zeit durchaus "State of the Art" - und gehörte Ende der 80er-Jahre zu den teuersten TV-Serien-Produktionen überhaupt. Klar, knapp 40 Jahre später ist auch sie von ihrer Anmutung im 4:3-Format deutlich gealtert, aber dann doch noch um einiges besser als die Originalreihe.
Vor allem aber war es Patrick Stewart und die ihm wie auf den Leib geschneiderte Rolle des Captains Jean-Luc Picard, der "Star Trek - Das nächste Jahrhundert" zur prägenden Generationserfahrung machte. Mit dem ebenso stets moralischen wie integren, gebildeten wie nonchalanten und besonnenen wie entschlossenen Übervater schien er die reale Hoffnung auf eine bessere Zukunft wie ein imaginäres Leuchtfeuer in einer Person auf dem Bildschirm zu vereinen.
Charakterzüge und Projektion
Und das - Obacht! -, ohne dabei den fatalen Fehler zu begehen, in die Verkörperung einer "Führerfigur" abzugleiten. Picard war trotz allem ein Teamplayer und nicht unantastbar. Er war nicht nur ein Menschenfreund, sondern natürlich ein Freund von allen Spezies überhaupt. Er war kein Diktator, sondern ein ums andere Mal auch selbst das Opfer fragwürdiger Entscheidungen des Sternenflottenkommandos.
Der gebürtige Brite Patrick Stewart war Shakespeare-Darsteller, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hatte. Doch egal, was er auch sonst noch auf der Bühne oder in Filmen wie der "X-Men"-Reihe geleistet hat - keine Rolle hat auf ihn so abgestrahlt wie die des Captain Jean-Luc Picard, auch auf ihn als Privatmann. So galt der "Sir", zu dem ihn Queen Elizabeth II. 2009 machte, auch abseits der Fernsehbildschirme und Kinoleinwände, auf denen er Picard ebenfalls viermal mimte, als honorige Person - intellektuell, humorvoll, sozial, bodenständig. Ein Gentleman durch und durch. Wie sehr sich die tatsächlichen Charakterzüge des Schauspielers, der dreimal verheiratet war und zwei Kinder hinterlässt, und die Picard-Projektion dabei vermischen, können letztlich nur Menschen beurteilen, die ihn persönlich kannten.
Die zu Beginn der 90er-Jahre aufkeimende Hoffnung, dass ja vielleicht doch alles irgendwann irgendwie gut werden könnte, war rückblickend natürlich naiv. Und sie hat sich auch schnell erledigt. Gefühlt? Spätestens mit dem 11. September 2001. Von Ukraine-Krieg, Klimakrise, Donald Trump oder der AfD muss man da gar nicht sprechen. Gerne würde man Jean-Luc Picard mal fragen, was er denn nun gemacht hätte. Mit Patrick Stewart ist nicht nur ein großartiger Schauspieler, sondern auch ein fiktiver Hoffnungsträger gestorben. Das macht seinen Tod gleich doppelt tragisch.