Queens Of The Stone AgePerfekthion ist Sache der Götter

Mit "Perfecth" kehren die Wüstenrock-Pioniere vitaler zurück, als man es nach den vergangenen Jahren hätte erwarten dürfen. Dem Tod von der Schippe gesprungen, hat Frontmann Josh Homme vor allem eine Botschaft: Genieß' es, solange es andauert.
Selbst wenn man noch keinen Ton gehört hat und lediglich die dramatischen Bandfotos betrachtet, spürt man ihn bereits, den existentialistischen Hauch, der dieses neunte Studioalbum von Queens Of The Stone Age umweht: Die Band als ewiger Männerbund, vereint im Ringen um die Relevanz von Riffs und Rockismen, die Musiker als stilisierte Familienaufstellung, atmosphärisch illuminiert, eine Kreuzung aus Gesprächsgruppe und griechischer Skulptur. Im Mittelpunkt, natürlich, Josh Homme, nicht nur als Bandleader und Spokesperson, sondern auch als dem Tod nur knapp entkommener Wiedergänger.
Dass Homme überhaupt wieder vor dem Mikrofon steht, ist alles andere als selbstverständlich. 2022 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert, er ließ sich operieren und machte das später öffentlich, ohne ins Detail zu gehen. Das letzte Album "In Times New Roman ..." (2023) klang entsprechend: dicht, gereizt, klaustrophobisch, durchtränkt von Krankheit und dem unschönen Nachspiel seiner Scheidung von Brody Dalle.
Dem Tod entronnen
Dann kam Paris. Ein lange gehegter Traum sollte wahr werden, ein Konzertfilm, gedreht in den Katakomben, 20 Meter unter der Stadt, zwischen den Gebeinen von sechs Millionen Menschen. Homme litt unter hohem Fieber, die Ärzte rieten ab. Doch Homme zieht durch, kurz vor dem Kollaps. Einen Tag nach dem Dreh sitzt er in einer Maschine in die USA und wird sofort operiert. Die Tour fällt aus, Schlagzeuger Jon Theodore sagt heute, man habe damals nicht gewusst, ob es die Band danach noch geben würde.
So wird "Perfecth", das Album mit dem beabsichtigten Schreibfehler im Titel, auch zu einem Zeugnis der Wiederaufstehung. Entsprechend dramatisch geht es zu, nicht nur auf den Bandfotos, sondern auch inhaltlich. 9 Songs in 36 Minuten, das klingt nach Essenz, nach Reduktion, es gilt, auf den Punkt zu kommen. Die Opulenz liegt in den Stücken selbst, die Stilpalette mit dickem Pinsel bearbeitet.
Nur die Liebe zählt
Josh Homme und Bassist Michael Shuman haben produziert, aufgenommen wurde zwischen New Orleans und Los Angeles. Jeder Track klingt, als käme er aus einer anderen Welt, so Homme. "Easy Street", ein Folksong mit Handclaps und Gastsängerin Nikki Lane, "Where The Goth Girls At?" mit diesem gewaltigen Refrain und natürlich "It's Only Love", die ewigen vier Buchstaben, um die es am Ende doch irgendwie immer geht. "Dieses Album handelt von der Liebe in all ihren Facetten", erklärt Homme. "Mal tut sie dir gut, mal zerstört sie dich. Sie ist imstande, dich umzubringen, dich zu inspirieren, aber letztlich ist es doch immer wieder 'nur' Liebe."
Das Herzstück ist "Insignificant Other", knappe sechs Minuten, mit Orgelsounds, Hommes Stimme weit oben im Register, ein Stück, das noch aus den Sessions der Vorgängerplatte stammt. Es handle von Distanz, sagt Homme, davon, wie jemand die ganze Welt für dich bedeuten kann und dann einfach verschwindet, und vom Schmerz, der zurückbleibt, eine Art Phantomschmerz, "Phantom Limb", das Lied über jene Stelle, die es doch eigentlich nicht mehr gibt und die doch immer noch so wehtut. All you need is Love? Wohl war, aber eben auch ein seltsames Spiel, dieses verrückte kleine Ding namens Liebe!
Einfach Musik
"Wir sind ins Risiko gegangen mit dieser Platte", gesteht Michael Shuman. "Da ist eine Menge Verletztlichkeit, wir haben viel darüber gesprochen in der Band, gerade, weil es uns auch ein wenig Angst machte." Ein Album als therapeutische Maßnahme, wie Homme ergänzt. "Es war einfach der richtige Zeitpunkt, um diese Art von Platte zu machen, auch wenn ich währenddessen durchweg Schiss hatte, gewisse Dinge zuzulassen." Für den Moment scheint der brachiale Wüstenrock der frühen Jahre in den Hintergrund gerückt sein, bei Konzerten jedoch fügt sich die facettenreiche Geschichte in den Setlists, die alle Karrierephasen abdeckt. "Mich erinnert das Album an die frühen Sachen von Tom Petty, die ich sehr mag", so Homme. "Es ist nicht wirklich laut, es ist aber auch nicht soft. Petty spielt einfach. Auch wenn es etwas schlicht klingt: Es ist einfach Musik."
Den Titel der Platte passt, ein Verschreiber mit Absicht, eine Metapher für die Motivation der Band - eben nicht der Zustand von Perfektion, sondern das Zulassen von Fehlern und schiefen Tönen, Handclaps, die nicht ganz im Takt sind und Gefühlen, die sich für eine mit allen Wassern gewaschenen Band vielleicht nur durchs Singen und Spielen, in dieser Art und Weise, artikulieren lassen: Nobody is perfecth.
"Perfecth" ist ab dem 30. Oktober überall erhältlich
